Mein Schreiben

 

Im Mittelalter, als Papier noch richtig kostbar war, gab es Palimpseste. Man hat Texte, die man nicht mehr brauchte, abgeschabt und das Papier erneut verwendet. Das war ein Palimpsest.

 

Ich habe gelesen, der Mensch sei ein

"Palimpsest seiner kollektiven Existenz".

 

Solche Formulierungen gefallen mir.

 

Hier eine Liste, was ich schon alles abgeschabt habe:

 

Meine Ausbildung als Chemielaborantin

Ein halbes Pharmazie-Studium an der Uni

Ein halbes Philosophie-Studium an der Fernuni

Ein weiteres dreiviertel Philosophie-Studium zuhause.

 

Im Mittelalter gab es auch Buchmalerei.

Der Rand meines Palimpsestes hat viele Bilder.

Da ist eine Barkeeperin abgebildet, eine Spülerin in einer Klinikküche, eine freie Journalistin, eine Jugendbegleiterin mit einer kreativen Schreibgruppe von Grundschulkindern, eine Bildbearbeiterin in einer Blaulichtredaktion, ein Schreibcoach und jemand, der alte Tagebücher, die in Sütterlin geschrieben sind, transkribiert.

Ach, und natürlich: Eine Mutter mit ihrem Kind. 

 

Mein erstes Tagebuch habe ich mit acht Jahren begonnen.

Und seitdem schreibe ich.

 

Umgeben von Büchern und auch sonst viel Text arbeite ich als Buchhändlerin, Bloggerin und Privatphilosophin.

 

 

 

 

 

2013 wurde meine Geschichte

„Die Schönheitskönigin Sarah Rotblatt fährt an einer Tankstelle vor“

in der gleichnamigen Würth-Anthologie veröffentlicht.

Im selben Jahr gewann mein Text „Memoria“

den Zweiten Preis des Schreibwettbewerbs zur Ausstellung

„Unter vier Augen“ der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

und der Badischen Zeitung.

 

Meine Geschichte „Mirabellen und Kirschen“ gelangte auf

Platz 7 des Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs mit

dem Thema „Grenzgänger“.

 

Beim Brandenburgischen Literaturpreis 2015 wurde

„Loch im Bauch“ auf Platz 5 gewählt.

 

2016 gelangte „Welten“ abermals in die Anthologie des

Würth-Wettbewerbs mit dem Thema

„Kurzinfo: Schränkung und Blattstärke“.

 

Ich lebe im Hochschwarzwald. Hier ist mein Zuhause. 

Auszug aus "Pauline"

(2017)

An einem Fuß waren Georg drei Zehen abgefroren, so dass er jetzt humpelte. Er hängte seinen Mantel an den Haken. Der Topf machte ein scharrendes Geräusch, als Siegrid ihn auf den Gasherd stellte.

„Was sollen die Hosen? Bist du jetzt unter die Kerle gegangen?“

Seine Stimme hatte sich verändert, war rau geworden. Bis hinter Minsk hatten sie ihn verschleppt. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und ließ Wasser in die Kasserolle laufen, wollte ihm Kaffee aufbrühen, aus richtigen Bohnen. Es war das erste Mal, dass sie Hosen trug, so kalt war es. Die Nachbarin hatte ihr beim Schnitt und beim Nähen geholfen. Die Hose würde an den Hüften mitwachsen. So würde sie es noch eine Weile verstecken können.

Sie drehte sich zu ihm um, sah ihn an. Er verstand nicht. Sie legte vorsichtig ihre Hand auf ihren Bauch.

„Oh Gott“, stöhnte er.

„Sieben Jahre“, sagte sie leise.

„Ich weiß, wie lange sieben Jahre sind!“ Er brüllte so laut los, dass sie den Porzellanfilter fallen ließ. Er zersplitterte auf dem Steinboden. Sie bückte sich und klaubte die Stücke zusammen. Er stützte beide Ellbogen auf den Küchentisch, legte sein Gesicht in seine Hände. Als er wieder sprach, war seine Stimme leise geworden.

„Hast Du einen Besatzer rangelassen? Einen Neger? Hat er dir Zigaretten gegeben?“

 

Wortlos drehte sie sich zum Herd um. Die Küchenuhr schlug.